Frauen im professionellen Poker haben es immer gegen einen doppelten Widerstand gespielt — gegen die Gegner am Tisch und gegen ein Feld, das historisch fast ausschließlich männlich war. Einige von ihnen haben diesen Widerstand nicht nur überwunden, sondern das Spiel selbst verändert. Wer über die besten Pokerspielerinnen aller Zeiten spricht, spricht über mehr als Preisgeldzahlen — sondern über Spielerinnen, die Maßstäbe gesetzt haben.
Kristen Foxen: Die neue Nummer eins

2025 übernahm Kristen Foxen die Spitze der All-Time Female Money List und ist damit offiziell die erfolgreichste Pokerspielerin der Geschichte. Mit über 13,3 Millionen US-Dollar an Live-Turnierpreisgeldern — Stand Januar 2026 — hat sie Vanessa Selbst überholt, die diese Position jahrelang hielt.
Die Kanadierin aus Ontario begann ihre Karriere online und gewann 2013 ihr erstes WSOP-Bracelet beim Ladies Championship. Was folgte, war eine der konstantesten Karrieren im Frauenpoker: fünf WSOP-Bracelets, ein WPT-Titel, mehrere Poker Masters Finaltische und eine dominante Präsenz im PokerGO Tour Circuit. Ihr bislang größter Cash kam im September 2025 in Jeju, wo sie beim Triton Super High Roller 1,1 Millionen US-Dollar für einen dritten Platz kassierte — ein klares Signal, dass sie nicht mehr nur in der Frauenwertung dominiert, sondern regelmäßig gegen die absolute Weltspitze mitspielt. Verheiratet ist sie mit dem Highstakes-Profi Alex Foxen — eines der bekanntesten Power-Couples im modernen Poker.
Vanessa Selbst: Die Referenz

Vanessa Selbst ist die Spielerin, an der alle anderen gemessen werden. Die US-Amerikanerin aus Brooklyn gewann drei WSOP-Bracelets, stand 2014 zwei Wochen lang an der Spitze der weltweiten GPI-Rangliste — als erste und bislang einzige Frau überhaupt — und erspielte sich über 11,9 Millionen US-Dollar in Live-Turnieren. Ihr größter Cash kam 2010 beim Partouche Poker Tour Main Event mit 1,8 Millionen US-Dollar.
Selbst, die Jura an der Yale Law School studierte, trat 2018 vom professionellen Poker zurück, um eine Karriere im Finanzbereich einzuschlagen. Ihr Karriereende hinterließ eine Lücke in der Szene, die niemand wirklich gefüllt hat — zumindest nicht mit derselben Kombination aus Dominanz und öffentlicher Präsenz.
Kathy Liebert: Die Ausdauernde
Kathy Liebert ist die beständigste Spielerin in der Geschichte des Frauenpokers. Mit über sieben Millionen US-Dollar an Live-Einnahmen und mehr als 80 WSOP-Cashes über mehrere Jahrzehnte hinweg ist sie das Paradebeispiel für Langlebigkeit in einem Spiel, das jungen Spielern systematisch Vorteile gibt. Liebert wurde 2002 zur ersten Frau, die in einem Turnier eine Million US-Dollar gewann — beim Party Poker Million Cruise. 2024 gewann sie das Wynn Ladies Event, 2025 fügte sie einen WSOP-Circuit-Ring hinzu. Sie ist immer noch dabei.
Liv Boeree: Die Astrophysikerin
Liv Boeree ist kein Name, der ausschließlich mit Poker verbunden ist — und das ist genau das, was sie so besonders macht. Die Britin studierte Astrophysik an der University of Manchester, gewann 2010 das EPT Main Event in San Remo für knapp 1,7 Millionen US-Dollar und wurde damit zur dritten Frau, die je ein EPT-Main-Event gewann. 2017 fügte sie ein WSOP-Bracelet hinzu.
Im Dezember 2024 kehrte sie mit einem historischen Cash zurück: Vierter Platz beim WSOP Paradise Super Main Event für 2,8 Millionen US-Dollar — der bis dahin größte Cash, den je eine Frau in einem Pokerturnier erzielt hatte. Damit katapultierte sie sich von Platz neun auf Platz vier der Female All-Time Money List. Abseits des Tisches gründete sie mit Igor Kurganov und Philipp Gruissem Raising for Effective Giving, ein Charity-Projekt nach den Prinzipien des Effektiven Altruismus.
Annette Oberstad: Das Wunderkind
Annette Oberstad aus Norwegen war 19 Jahre alt, als sie 2007 das WSOPE Main Event in London gewann — gegen ein Feld von 362 erfahrenen Spielern. Die Siegprämie: eine Million Pfund. Einen Monat später wurde sie Zweite beim EPT Dublin Main Event. Was ihren Aufstieg noch beeindruckender machte: Sie spielte weite Teile eines Online-Turniers ohne ihre eigenen Karten zu sehen — eine Demonstration reiner Positionsstrategie, die in der Szene zur Legende wurde.
Maria Ho: Die Botschafterin
Maria Ho, chinesisch-amerikanisch und in Hongkong geboren, gehört mit über 5,5 Millionen US-Dollar an Live-Einnahmen zu den erfolgreichsten Spielerinnen der Geschichte. Noch wichtiger als die Zahlen ist ihre Rolle als Botschafterin des Spiels: GPI-Spielerin des Jahres, Kommentatorin für PokerGO, Mitglied der Poker Hall of Fame seit 2018. Sie hat mehr getan, um das Bild der Frau im Poker zu normalisieren, als fast jede andere Spielerin der letzten zwanzig Jahre.
Xuan Liu: Die erste Triton-Siegerin
Xuan Liu schrieb 2025 Geschichte als erste Frau, die ein Triton-Poker-Event gewann — beim WPT Global Slam in Montenegro für 860.000 US-Dollar. In einer Serie, die für ihre brutale Feldstärke bekannt ist, ist das ein Ergebnis, das weit über die Symbolik hinausgeht.
Was diese Zahlen nicht zeigen
Die All-Time Female Money List misst nur Live-Turniergewinne. Sie misst nicht, wie oft eine Spielerin gegen strukturelle Hürden angetreten ist, wie oft sie als einzige Frau am Tisch saß oder wie sie das Bild des Spiels verändert hat. Selbst, Boeree und Liebert haben Poker als Frauenspiel glaubhaft gemacht — nicht weil sie anders spielen, sondern weil sie genauso gut spielen. Das ist der Maßstab, an dem sie gemessen werden wollen, und der einzige, der zählt.

