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WSOP 2026: Historischer Sommer für Frauen im Poker — und warum der Kampf weitergeht

Vier Live-Bracelets, ein Rekordfeld bei der Ladies Championship und so viele Frauen im Main Event wie nie zuvor: Die WSOP 2026 war für Pokerspielerinnen ein Sommer der Bestmarken. Doch hinter den Erfolgen stehen Erfahrungen, die nachdenklich stimmen — von abfälliger Sprache am Tisch bis zu massiven Anfeindungen im Netz. Wir blicken auf die Siege, die Zahlen und die unbequemen Wahrheiten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Kristen Foxen gewann als erste Frau seit Leo Margets 2021 wieder ein Bracelet in einem offenen Event.
  • Es folgten Michelle Chin und Yanting Jiang — dazu zwei Online-Bracelets.
  • Die Ladies Championship verzeichnete mit rund 1.368 Starterinnen ein Rekordfeld; Siegerin wurde Skye Chen.
  • Im Main Event starteten 431 Frauen (4,68 %) — doch keine erreichte den Finaltisch.

Kristen Foxen durchbricht die Serie

Wir sind es gewohnt, Kristen Foxen gewinnen zu sehen. Doch ihr Sieg im Event #19 ($25.000 High Roller No-Limit Hold’em) hatte historische Bedeutung: Sie war die erste Frau seit Leo Margets 2021, die wieder ein Bracelet in einem offenen Event der World Series of Poker holte.

Ihre Botschaft nach dem Triumph war eindeutig: Sie sei hier draußen und tue das, um hoffentlich andere Frauen zu inspirieren und zu zeigen, dass man es schaffen könne. Nichts halte einen auf, nur weil man eine Frau sei.

Michelle Chin: erstes Bracelet — und deutliche Worte

Als Nächstes gewann Michelle Chin das Event #58 ($1.500 Limit 2-7 Lowball Triple Draw). Bereits elf Jahre zuvor hatte sie Geschichte geschrieben, als erste Frau mit einem Sieg in einem WSOP-Circuit-Main-Event. Nun folgte ihr erstes Bracelet.

Doch Chin nutzte das Interview für eine unbequeme Botschaft darüber, wie wenig sich seitdem verändert hat. Sie beobachte, dass sehr wenige Frauen spielten — und mache ihnen keinen Vorwurf: Poker sei für Frauen nicht die beste Umgebung. Konkret sprach sie die Sprache am Tisch an: Manche Spieler seien völlig unsensibel und benutzten Formulierungen, die Weiblichkeit als Beleidigung einsetzen — etwa den Vorwurf, jemand spiele „wie ein kleines Mädchen”. Sie sei ein kleines Mädchen gewesen, so Chin — ob sie deshalb schlecht spiele?

Sie korrigiere die Spieler am Tisch nicht, weil sie Poker spielen und sich nicht aus der Ruhe bringen lassen wolle. Böse Absichten unterstelle sie niemandem — unangenehm bleibe es trotzdem.

Eine Ladies Championship, die in Erinnerung bleibt

Die Ladies Championship 2026 zählte zu den Höhepunkten des Sommers. Mit einem Rekordfeld entstand einer der besten Finaltische der Serie. Skye Chen setzte sich als verdiente Siegerin durch — sagte danach aber, sie sehe sich selbst noch nicht im Main Event. Sie verließ Las Vegas vor dessen Start und versprach zurückzukehren, wenn sie sich bereit fühle. Ihr Auftritt am Finaltisch deutete allerdings an, dass sie längst dazugehört.

Es gab jedoch auch eine dunkle Seite: Aubrey Williams musste auf ihrem Weg zum zweiten Platz anhaltende Anfeindungen ertragen. Es war nicht das erste Mal, doch Ausmaß und Toxizität überraschten viele in der Pokerwelt. Bemerkenswert: Von allen Frauen im Event wurde Williams willkommen geheißen — der Großteil der Angriffe kam online und von Männern.

Ein Brief, der Hoffnung macht

Auch WSOP-Kommentator Joe Stapleton wurde nach seiner Übertragung angegriffen. In der Countdown Show teilte er die Nachricht eines Zuschauers namens Paul, die stellvertretend für eine andere Seite der Community steht. Sinngemäß schrieb dieser: Die Poker-Community habe seiner transgeschlechtlichen Tochter an diesem Abend gezeigt, was er ihr seit Jahren sage — dass die echte Poker-Community alle willkommen heiße. Er sei 55, seit 29 Jahren verheiratet und eher konservativ; als seine Tochter Luna vor fünf Jahren ihren Weg ging, sei das eine ihm unbekannte Welt gewesen. Doch er und seine Frau wüssten, was Liebe sei. Luna schaue mit ihm die WSOP, sie hätten jede Hand und vor allem die Reaktionen im Saal verfolgt — und die Unterstützung für Aubrey Williams gehört. Luna habe nun gesehen, dass selbst auf der größten Bühne des Pokers jeder willkommen sei.

Yanting Jiang krönt den Sommer

Für ein viertes Frauen-Bracelet blieb noch Zeit. Yanting Jiang ist eigentlich vor allem Cash-Game-Spielerin und hatte vor dem Event #89 ($3.000 Mid-Stakes Championship No-Limit Hold’em) nur eine Handvoll Turnierergebnisse vorzuweisen. An einem hochkarätigen Finaltisch mit Roberto Romanello, Maurice Hawkins und Punnat Punsri holte sie ihr erstes Bracelet — und mit 1.159.182 Dollar den größten Erfolg ihrer Karriere. Hawkins hatte sie bei noch vier verbliebenen Spielern treffend als „absolute Wild Card” bezeichnet.

Main Event: Rekordfeld, aber kein Finaltisch

Kennzahl 2026 2025
Frauen im Main Event 431 369
Anteil am Feld 4,68 % 3,8 %
Beste Platzierung 61. 7. (Leo Margets)

Schach- und Pokerspielerin Jen Shahade ordnete die Zahlen statistisch ein: Bei diesem Frauenanteil sei die Wahrscheinlichkeit, dass bei noch 60 verbliebenen Spielern keine Frau mehr dabei ist, sehr gering — etwa 6 Prozent. Eine Frau im Heads-Up oder sogar als Siegerin sei rechnerisch ähnlich wahrscheinlich. Bei diesen Zahlen, so Shahade, sollte etwa jedes zweite Jahr eine Frau den Finaltisch erreichen — der nächste Trend, an den sie glaube.

Einordnung & Analyse: Erfolg und Gleichberechtigung sind nicht dasselbe

Die Bilanz dieses Sommers ist zwiespältig — und genau das macht sie wichtig. Erstens sind die sportlichen Erfolge unbestreitbar: vier Live-Bracelets, davon drei in offenen Events, dazu zwei Online-Titel durch Sasha Mahabir und Krista Gifford. Gifford verband beide Welten beinahe, als sie im $3.200 NL/Live Hybrid hinter Martin Kabrhel Zweite wurde. Diese Zahlen stehen in den Geschichtsbüchern.

Zweitens aber zeigen die Erfahrungen von Michelle Chin und Aubrey Williams, dass Siege allein das Umfeld nicht verändern. Wenn eine Bracelet-Gewinnerin öffentlich sagt, Poker sei für Frauen keine gute Umgebung, dann beschreibt das ein strukturelles Problem, das sich nicht durch einzelne Erfolge auflöst. Shahades statistische Einordnung liefert zudem den nüchternen Beleg: Der fehlende Finaltisch-Auftritt ist bei diesem Frauenanteil ein statistischer Ausreißer, kein Naturgesetz — er wird sich ändern, je mehr Frauen antreten.

Für die deutschsprachige Szene lohnt der Blick auf beide Seiten dieser Bilanz. Sichtbare Vorbilder wie Foxen oder Jiang senken die Hemmschwelle für Einsteigerinnen — die Atmosphäre am Tisch entscheidet aber darüber, ob sie bleiben. Beides gehört zusammen. Oder anders gesagt: Erfolg und Gleichberechtigung sind nicht dasselbe.

Glücksspiel kann süchtig machen. Teilnahme ab 18 Jahren. Spiele verantwortungsbewusst.

JS
Redakteur

Jan Stevens ist Chefredakteur von Poker24.net und berichtet seit vielen Jahren über Live-Poker, Online-Poker, Turnierserien und Glücksspielregulierung. Sein Fokus liegt auf fundierter Einordnung, redaktioneller Transparenz und praxisnaher Analyse. Für Poker24.net verbindet er Branchenwissen, journalistische Erfahrung und klare Meinung zu aktuellen Entwicklungen der Pokerszene.